Evangelische Kirchengemeinde Elberfeld-Südstadt
mit Informationen und Neuigkeiten aus der Christuskirche und der Johanneskirche

Die Johanneskirche - erbaut aus der Kraft der Not

Nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Diktatur sahen die Kirchen in den ersten Nachkriegsjahren die Chance zur Rechristianisierung als Grundlage eines Neubeginns. Mehr noch als der materielle Mangel wurde die geistige Leere beklagt.  In dieser Situation der Verzweiflung sollten die Menschen Hilfe und Orientierung im christlichen Glauben finden. Doch Gottesdienste waren in den Ruinenfeldern der zerbombten Großstädte vorerst nur eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr möglich, da zahlreiche Kirchbauten als Folge der Kriegsereignisse hochgradig beschädigt bzw. vollständig vernichtet waren.
In einer solchen Notlage befand sich - neben anderen Wuppertaler Kirchengemeinden - auch die Lutherische Gemeinde Elberfeld; alle ihre Kirchengebäude und einige Gemeindehäuser wiesen erhebliche Schäden auf, darunter die Christuskirche in der Elberfelder Südstadt.

Hilfe kam ab 1947 vom Ökumenischen Rat in Genf und von den in ihm zusammengeschlossenen Spitzenorganisationen der lutherischen und reformierten Kirchen - insbesondere in der Schweiz und den USA. Sie stellten dem neu gegründeten Evangelischen Hilfswerk in Deutschland Spendengelder für den Bau von zunächst 40 Notkirchen in zerstörten deutschen Städten zur Verfügung. Letzlich wurden von 1948 bis 1951  43 dieser Kirchen an ausgewählten Orten realisiert, darunter auch in Wuppertal.

Otto Bartning (1883 - 1959), ein in Fragen des Kirchen- und Profanbaus erfahrener Architekt und Ideengeber des Weimarer Bauhauses, entwickelte die Pläne für diese Typenbauten. Er hatte die Vorstellung, hochwertige und funktionelle Bauglieder aus Holz miteinander zu verbinden und diese Elemente mit vorhandenen Trümmermaterialien zu kombinieren; verpflichtend sollte außerdem der Einsatz ehrenamtlicher Hilfskräfte in den beschenkten Gemeinden sein. Ziel war ein durch Materialoptimierung kostengünstiger Kirchenneubau in „dauerhafter Form“ - die begünstigten Gemeinden konnten dabei zwischen verschiedenen Planvarianten wählen. Die vorgesehene Beteiligung handwerklicher Laien an den Bauarbeiten hatte sowohl ökonomische als auch identitätsstiftende Bedeutung. Bartning verstand die von ihm entworfen Notkirchen nicht als Notbehelf oder Übergangslösung, sondern als „neue und gültige Gestalt aus der Kraft der Not“. Ausdruck fand dieser Gedanke in einer reduktionistischen Architektur, die sich mit „bedingungsloser Ehrlichkeit“ auf elementare Materialien (Holz, Stein, Stahl) beschränkte und so ein „Bekenntnis zu der aus der Armut erwachsenden geistigen Freiheit“ ablegte.

Als Baugrund für die in Elberfeld vorgesehene Notkirche, einem Saalbau mit 5/10-Chorschluss, stellte die Stadt Wuppertal einen Geländeabschnitt am Rande des von-der-Heydt-Parks  - im Tausch mit einem Gemeindegrundstück -  zur Verfügung. Unter fachlicher Anleitung verrichteten freiwillige Hilfskräfte und Studenten der Kirchlichen Hochschule Wuppertal die Arbeiten am Fundament; Bauhandwerker führten die Maurerarbeiten aus. Als Baustoff diente vorwiegend das aus Trümmern der Umgebung gewonnene Steinmaterial. Zwar wurde das Sichtmauerwerk des Innenraums geschlämmt (was Bartning missbilligte), doch war und ist die Mauerwerksstruktur hier noch gut zu erkennen. Hingegen erhielt die - zunächst ebenfalls steinsichtige - Außenhaut nachträglich einen rauhen Putzüberzug, der das wiederverwendete Baumaterial unsichtbar machte und damit den Notgedanken - zumindest in der Außenansicht des Gebäudes - relativierte. Das einschalige Mauerwerk selbst besitzt keine tragende Funktion. Diese Aufgabe übernimmt eine raumgliedernde Holzbinderkonstruktion, für die Bartning wegen ihrer aufstrebenden und sich der Raummitte zuneigenden Form die Metapher vom „Zelt in der Wüste“ benutzte.

Zu den Unterstützungsleistungen des Evangelischen Hilfswerks gehörte u. a. die Bereitstellung von Holz aus dem Schwarzwald, das unter Mitwirkung von Bartning beschafft und durch eine Spendensammlung des Lutherischen Weltbundes finanziert wurde. Eine Karlsruher Werkstatt stellte aus diesem Holz das Tragwerk sowie einen großen Teil der Innenausstattung her.

Innerhalb von 8 Monaten wurde die Elberfelder Notkirche am Friedenshain als erster Kirchenneubau Wuppertals nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet und am Ostersonntag, dem 17. April 1949, unter dem Namen Johanneskirche (benannt nach dem Apostel Johannes) eingeweiht. Die eng gestellten Kirchenbänke fassten anfangs etwa 450 Besucher; der multifunktionale Raum unter der Empore konnte als abtrennbarer Gemeinsaal genutzt werden.

1951 erhielt die Johanneskirche eine kleine Glocke; die erste Orgel wurde 1953 eingebaut und später mehrfach erweitert. Mitte der 50er Jahre ergänzte ein Taufstein die Ausstattung. Ein Stifter ermöglichte 1963 den Austausch der bewusst farblos gehaltenen Strukturverglasung durch qualitätvolle farbige Glasmalereien der Wuppertaler Werkstatt Brand; das den Gottesdienstraum umschließende Fensterband mit symbolhaften Motiven aus dem Johannesevangelium und der Apokalypse fügt sich harmonisch in den Raum ein.

Schon Anfang der 60er Jahre reichten der Mehrzweckraum unter der Empore der Johanneskirche und der Gemeindesaal an der Worringer Straße für die umfangreicher gewordene Gemeindearbeit nicht mehr aus. Deshalb ließ die Gemeindeleitung nordwestlich der Johanneskirche ein Gemeindezentrum nach Plänen des Architekten Hellmuth Strasmann anbauen. Das am 1. Oktober 1967 eröffnete Nebengebäude mit Gemeindesaal, Gruppenräumen, Jugendzentrum, Bibliothek und Küsterwohnung ordnet sich in der Höhe dem Kirchengebäude unter.

Mit der Hinzufügung des Gemeindezentrums waren Umgestaltungen der Johanneskirche verbunden. Hierbei wurde der Eingang an der Giebelseite vermauert; seither wird die Kirche über den Vorraum zum Gemeindezentrum erschlossen. An die Stelle der aus Trümmerziegeln gemauerten Kanzel trat eine bewegliche Holzkanzel - gleichzeitig wurden die niedrigen Chorschranken beseitigt, die Orgelempore verkleinert und die Emporenbrüstung umgeformt. Das Mauerwerk der nordwestlichen Langseite wurde zum Gemeindezentrum hin geöffnet und durch eine Faltwand ersetzt, so dass der Gottesdienstraum im Bedarfsfall erweitert werden kann. Hingegen hatte der Austausch des festen Gestühls zu Gunsten einer variablen Bestuhlung eine deutliche Verringerung der Sitzplätze zur Folge. Trotz der beschriebenen Eingriffe in die Bausubstanz der Johanneskirche blieb der für die Bartning-Notkirchen typische Charakter im Wesentlichen erhalten.

Im November 1971 löste eine neue Orgel (II/P/20) aus der Werkstatt Werner Bosch das störungsanfällige Vorgängerinstrument des Orgelbauers Emil Hammer ab.

39 Jahre nach ihrer Einweihung ‚erbte‘ die Johanneskirche das Geläut der bereits entwidmeten Hahnerberger Kirche; für die beiden translozierten Glocken, die seit dem 27. November 1988  (1. Advent) zu den Gottesdiensten rufen, wurde seitlich des Kirchenvorplatzes ein kleines hölzernes Glockenhaus geschaffen.

2016 wurde am südöstlichen Nebeneingang des Sakristeianbaus ein barrierefreier Zugang zum Kirchenraum für Rollstuhlfahrer angelegt. Die Nebennutzungsräume des Anbaus erhieltenzudem eine behindertengerechte Toilette; sie ist unmittelbar vom Gottesdienstraum zugänglich.

Das ursprünglich sehr nüchterne Erscheinungsbild der Johanneskirche ist nicht ausschließlich der materiellen Armut der Erbauungszeit zuzuschreiben, vielmehr zeigt die asketische Haltung auch eine Rückbesinnung auf die Anfänge des Christentums. Zugleich lässt sie sich als Reaktion auf das hohle Pathos der nationalsozialistischen Ideologie interpretieren.

Seit 2004 steht die Johanneskirche als zeitgeschichtliches Dokument einer innovativen Nachkriegsarchitektur unter Denkmalschutz.