Evangelische Kirchengemeinde Elberfeld-Südstadt
mit Informationen und Neuigkeiten aus der Christuskirche und der Johanneskirche

Ein fiktives Interview eines Schülers mit Martin Luther

 

Schüler: Hallo Dr. Luther, danke, dass Sie sich für ein Interview zur Verfügung gestellt haben. Luther: Gerne. Vor 500 Jahren musste ich mich schnell daran gewöhnen, dass alle etwas von mir wollten. Die Druckereien konnten ja nicht genug davon bekommen, etwas von mir in die Lande zu schicken. Die haben auch ganz schön an diesem Hype verdient. Trotzdem ging es Ihnen um die Sache selbst.

Schüler: Ich bin echt beeindruckt. Nicht vieler Menschen wird nach 500 Jahren gedacht. Und dass wegen des Jubiläums sogar Obama zum Kirchentag nach Berlin kam, ist ja echt geil. Sie sind ja fast so bekannt wie Jesus. Luther: Wir hatten aber alles andere im Kopf als berühmt zu werden.

Schüler: Aber das macht sich doch gut. Luther: Nein, darum geht es nicht. Es geht immer ums Wort, genauer um das „Wort Gottes“.

Schüler: Oh, das habe ich im Reli-Unterricht schon gehört. Aber was soll das denn sein, das Wort Gottes. Ich höre da nichts. Luther: Du musst es nicht hören. Du musst es vor allem erst einmal lesen.

Schüler: Sie meinen die Bibel! Luther: Ja. Da steht alles drin, was ein Mensch für sein Leben braucht. Du wirst unheimlich stark, wenn Du sie liest!

Schüler: Also das, was ich gelesen habe, das war zugegebenermaßen nicht viel. Es war aber immer entweder uninteressant oder man musste es mehr oder weniger kompliziert interpretieren. Darum habe ich damit erst gar nicht richtig angefangen. Und so geht es doch allen. Luther: Den Verstand sollte man in der Tat einschalten. Aber auch das Herz. Ich habe die Bibel studiert und auch lange nicht verstanden. Ich las die Bibel und verstand vor allem nicht, was das Verhalten der Kirche mit der Bibel zu tun hat.

Schüler: Das müssen Sie mir erklären. Luther: Die Kirche hat uns damals eingetrichtert, dass alle Menschen nur böse und schlecht sind. Darum hat Gott Jesus Christus sterben lassen und auferstehen lassen, um die Menschen zu erlösen, damit sie wieder zu Gott finden können. So weit so gut. Das ist ja  im Grunde richtig. Nur machte die Kirche damals ein Geschäft daraus. Sie erklärte das Heil, das Jesus für uns Menschen in der Tat erworben hat, zu einem Schatz, den sie zu verwalten habe. Und dann hat sie nach Belieben Menschen daraus etwas abgegeben, indem sie gegen eine Bußleistung Sünden vergab. Das selbst ist schon eine große Anmaßung. Der Hammer aber war, dass es immer mehr nur noch ums Geld ging. Bescheinigungen hat man Menschen ausgestellt, die für ihre Sünden ihr hart Erspartes abgedrückt haben. In meiner Bibel stand das alles nicht!

Schüler: Ich ahne es: Sie meinen die berühmt und berüchtigten  Ablassbriefe! Luther: Ja genau.

Schüler: Um den Neubau des Petersdomes zu bezahlen zu können. Luther: Ja, und weil der mächtigste Kardinal einen irren Haufen Schulden begleichen musste.

Schüler: Und da ist Ihnen irgendwann der Kragen geplatzt! Die 95 Thesen und so … Luther: Eigentlich nicht. Vielmehr kommt hier die Bibel ins Spiel. Ich hatte entdeckt, dass die Bibel  von Gottes guten Taten an den Menschen spricht. Vor allem, dass er einem jeden Menschen, der in der Tat viel Mieses in seinem Leben tut, seine Gerechtigkeit direkt zukommen lässt. Da bedarf es gar keiner Vermittlung durch die Kirche, die dann auch noch missbraucht wird. Wir Menschen müssen nur darauf vertrauen, dass es so ist, dass Jesus Christus für uns gestorben und auferstanden ist. So schreibt es ja auch die Bibel, z.B. Paulus in seinen Briefen.

Schüler. Verstehe ich das richtig: Sie meinen, dass Glaube nicht ist, dass man irgendetwas für richtig hält, was dem Verstand entgegen steht, sondern Vertrauen in Gott und Jesus Christus? Luther: Gott selbst schenkt Dir den Glauben ins Herz. Auf einmal ist er da. Vertraue ihm!

Schüler: Ich werd’s mal versuchen. Aber was habe ich davon? Luther: Muss man immer schon vorher wissen, was man davon hat? Dann wird man niemals glauben können. Das ist schon viel zu egoistisch gedacht.

Schüler: Na ja … Luther: Nochmal - Du wirst unheimlich stark durch den Glauben. Der Glaube kann dann nicht nur Berge versetzen, sondern er versetzt Berge.

Schüler: Das verstehe ich nicht. Luther: Als ich 1521 auf dem Reichstag in Worms stand, da war der Kaiser anwesend und alles, was damals Rang und Namen hatte. Und mir kleinem Mönchlein ging die Muffe. Ich sollte eigentlich nur meine Kritik aufgeben. Aber ich habe gesagt, dass man mich mit Begründungen aus der Bibel und mit klarem Menschenverstand überzeugen solle, so würde ich meine Ansichten widerrufen. In meiner Naivität war mir nicht klar, dass ich mir selbst das Todesurteil sprach. Aber das Wort Gottes schützte und schirmte mich und schuf sich Bahn und entfaltete eine unglaubliche Sprengkraft. Jetzt in Deiner Zeit kann man feststellen, welche Sprengkraft es tatsächlich hatte. Ohne mein Erlebnis auf dem Reichstag wäre die ganze Geschichte anders verlaufen. Seitdem ist der einzelne Mensch, das was Ihr den „Individualismus“ nennt, der Renner. Nur habt Ihr Euch leider von Gott abgewandt … Doch noch einmal zurück ins Jahr 1521: Das Wort Gottes wirkte damals sehr unmittelbar und direkt: Bevor man mich umbringen konnte, hat mich mein eigener Landesherr Friedrich, den man dann „den Weisen“ nannte, auf die Wartburg entführen lassen. Das Wort Gottes war also bei einer  Reihe von Fürsten auf fruchtbaren Boden gefallen. Sie handelten nicht nur aus politischem Kalkül.

Schüler  : Wartburg, sagten Sie. Da fällt mir der Deckname „Junker Jörg“ ein, den Sie tragen mussten, um nicht entdeckt zu werden. Und auf der Wartburg haben Sie dann die Bibel übersetzt. Luther: Zunächst nur das Neue Testament. Ich wollte, dass alle Menschen und nicht nur eine paar wenige hinter Kloster- und Universitätsmauern die Bibel lesen können. Gott sollte durch sein Wort direkt zu ihnen sprechen, wie er es auch zu mir getan hatte und tat. Sie sollten von Jesus wissen können und Glauben finden und so stark sein, dass auch sie mit Gottes Liebe im Herzen ihren Nächsten dienen. – Ein bisschen stolz bin ich schon darauf, die Grundlage für eine einheitliche deutsche Sprache gelegt zu haben.

Schüler: Aber die meisten konnten doch gar nicht lesen. Luther: Du triffst den Nagel auf den Kopf. Darum haben wir, ja alle Reformatoren, unheimlich viele Schulen gegründet. Ganze Schulordnungen entstanden. Überall wurde damit begonnen, Menschen das Lesen und Schreiben beizubringen.

Schüler: Ach ja, das Lernen fand bis dahin in den Klöstern statt! Aber die Klöster wurden aufgelöst. Luther: So habe ich meine liebe Käthe kennengelernt. Sie kam aus einem Frauenkloster. Ihr Vater hatte sie da hinein gebracht, damit sie anständig und versorgt leben konnte. Und wir haben in dem Kloster in Wittenberg unsere Wohnung gefunden, in dem ich vorher als Mönch lebte. Meine Käthe – welche Hochachtung habe ich vor ihr! Sie war fast eine Emanze. Am Anfang hatte sie es sehr schwer in Wittenberg. Aber sie hat nicht nur die Männer lang gemacht. Und eine kluge Geschäftsfrau war sie, was bei meinen Finanzkünsten ein Gottesgeschenk war. Ja meine liebe Frau war sie, die mir meine Kinder schenkte …

Schüler: Herr Dr. Luther, noch ein paar andere Fragen. Ich habe gehört, dass Sie auch Lieder gedichtet haben? Luther: Ja, so ungefähr 35, glaube ich. Ich konnte ja Laute spielen. Und ich hatte auch in Singkreisen mitgesungen. Ich singe überhaupt für mein Leben gern. Und da habe ich gedacht, die Gemeinde hat doch im Gottesdienst nicht viel von lateinischen Gesängen, die sie hören, aber nicht verstehen. Und so entstanden meine Lieder, die die Gemeinde zum Lobe Gottes in unseren Gottesdiensten sangen. Gottlob ist das bis heute so. Und ich habe gehört, dass heute auch die Altgläubigen im Gottesdienst singen?

Schüler: Die haben sogar Lutherlieder in ihrem Gesangbuch, das sie „Gotteslob“ nennen. 11 Ihrer Lieder Herr Dr. Luther! Es hat sich viel getan. - Was war denn Ihr größter Fehler, Herr Dr. Luther? Luther: Ganz klar: ich lebte in der Illusion, dass zu meiner Zeit Jesus Christus wieder auf die Erde kommen würde. Ich hätte aus der Bibel wissen müssen, dass die ersten Christen dies auch glaubten, aber auch bald spürten, dass er noch auf sich warten lässt. Das kommt davon, wenn an die Bibel nicht richtig liest 

Schüler: Aber das ist doch nicht schlimm. Das tut doch niemandem weh. Errare humanum est! Luther: Leider doch! So sehr dieser Gedanke manches Mal Ansporn für mich war, habe ich mich doch zu ganz schrecklichen und unmöglichen Schriften gegen unsere jüdischen Mitbürger verleiten lassen. Könnte ich das doch ungeschehen machen! Ich hoffe, dass Jesus Christus auch diese meine Schuld am Kreuz getragen hat. Ich bitte ihn inständig um Vergebung.

Schüler: Da haben sich sogar die Nazis im 20. Jahrhundert drauf berufen. Luther: Ja, schrecklich. Wie konnte ich nur so etwas von mir geben! Ich hatte doch sogar jüdische Freunde.

Schüler: Ich kann Sie aber auch beruhigen. Die Evangelische Kirche hat sich immer auf ihre anderen, die frühen Judenschriften berufen. Die sind zwar auch nicht frei von Ressentiments gegen Juden, aber immerhin … - Und gegen die Bauern haben Sie doch auf schrecklich gewettert. Luther: Ja, aber das hat einen anderen Hintergrund. Ich habe immer gegen die gewettert, die meinten, mit Gewalt ihre Interessen durchsetzen zu müssen. Gegen die, die die Bilder in den Kirchen zerstörten. Und gegen die Herrschaften, die ihren Untertanen übel zusetzten. Und als ich sah, was Bauern taten, musste ich auch da meine Stimme erheben. Ich gebe zu, ich hätte mich mehr im Griff haben müssen. Da habe ich mich auch schuldig gemacht.

Schüler: Herr Dr. Luther, noch eine abschließende Frage. Wo sehen Sie den wichtigsten Unterschied zwischen Ihrer und unserer Zeit? Luther: Wir waren näher bei den Menschen. Wir lebten mit den Menschen zusammen. Wenn ich auf Eure Kirchen schaue, dann sehe ich, dass die meisten Leute gar nicht zum Gottesdienst kommen. Die denken über viele Dinge anders als die Insider. Ich habe den Eindruck, dass leider Euer Schluss daraus nicht ist, Euch auf die Menschen einzulassen, sondern das Althergebrachte zu pflegen. Bei Jesus, aber auch bei Paulus kann man Maßstäbe sehen, wie man auf Menschen zugehen kann. Ihr müsst einfach mehr die Bibel lesen.

Schüler: Sie meinen also, wir brauchen heute einen neuen Reformator? Luther: Jeder muss seiner Verantwortung nachkommen, das Reich Gottes den Menschen nahe zu bringen. Dann ist er ein Reformator. (lacht) Vielleicht wird in 500 Jahren dann an einen von Euch erinnert?!    

geschrieben von Pfarrer Gerson Monhof